Risiko für Prostatakrebs bei Unfruchtbarkeit höher

Eine aktuelle Studie belegt den Zusammenhang zwischen Infertilität (Unfruchtbarkeit) und einem aggressiven Prostatakarzinom (hoher Gleason-Score). Bei unfruchtbaren Männer ist die Krebsvorsorge somit besonders wicScore). Bei unfruchtbaren Männer ist die Krebsvorsorge somit besonders wichtig.

In den letzten Jahren wurden einige Studien veröffentlicht über eine mögliche Verbindung zwischen der Fruchtbarkeit von Männern und ihrem Prostatakrebsrisiko. In zwei Untersuchungen hatten kinderlose Männer ein geringeres Risiko als Männer mit Kindern, in einer davon nahm das Risiko auch mit der Zahl der Kinder ab. Im Unterschied dazu war in anderen allerdings kein Zusammenhang festzustellen. In all diesen Studien wurde die Fruchtbarkeit (Fertilität) ohne spezielle Untersuchungen nur anhand der Zahl der Kinder beurteilt. Die Kinderlosigkeit eines Mannes kann jedoch auch beispielsweise an der Unfruchtbarkeit (Infertilität) seiner Partnerin liegen oder eine bewusste Entscheidung sein. Um diese möglichen Fehlerquellen auszuschalten, wurde nun eine neue Studie durchgeführt:

In diese retrospektive (zurückschauende) Untersuchung eingeschlossen waren 19.106 Männer, deren Fruchtbarkeit zwischen 1967 und 1998 in einem von 15 Zentren in Kalifornien untersucht worden war. Anhand des kalifornischen Krebsregisters wurde nun bestimmt, bei wievielen von ihnen Prostatakrebs aufgetreten war und wieviele Fälle zu erwarten gewesen wären, jeweils getrennt nach allen, niedriggradigen (low grade, Gleason-Score 5-7) und hochgradigen Tumoren (high grade, Gleason-Score 8Score 5-7) und hochgradigen Tumoren (high grade, Gleason-Score 8Score 8-10).

Die Ergebnisse: 24% der Untersuchten waren unfruchtbar, 76% fruchtbar. Während der Nachbeobachtungszeit von durchschnittlich 11,4 Jahren kam es unter ihnen insgesamt etwas weniger oft zu Prostatakrebs als erwartet, wobei die nachgewiesene Fruchtbarkeit einen schützenden Effekt hatte. Bei unfruchtbaren Männern lag die Rate an niedriggradigen Tumoren kaum höher, die Rate an hochgradigen Tumoren jedoch doppelt so hoch als erwartet. Im direkten Vergleich zu fruchtbaren Männern hatten unfruchtbare Männer ein deutlich erhöhtes Risiko (eine so genannte adjustierte Hazard Ratio) von 1,8 für alle Tumoren (80% höher), von 1,6 für niedriggradige Tumoren (60% höher) und von 2,6 für hochgradige Tumoren (160% höher). Als wichtigster unabhängiger Risikofaktor für Prostatakrebs stellte sich jedoch ein zunehmendes Alter heraus.

Die Ergebnisse zeigen einen engen Zusammenhang zwischen der Unfruchtbarkeit (Infertilität) eines Mannes und seinem Risiko, später an einem hochgradigen Prostatakarzinom zu erkranken. Sie legen damit nahe, dass Infertilität ein Risikofaktor für einen behandlungsbedürftigen Tumor ist. Dafür könnten auch andere Faktoren mit verantwortlich sein. Die Vermutung, dass unfruchtbare Männer sich häufiger untersuchen lassen und deshalb bei ihnen öfters Prostatakrebs festgestellt wird, trifft aber nicht zu, da die Krebshäufigkeit bei ihnen sogar etwas niedriger war als erwartet.

Nach einer israelischen Studie haben Männer mit totgeborenen oder wenigen, insbesondere männlichen Kindern ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs. Somit könnte das Y-Chromosom (nur bei Männern vorhandenes Erbgut) das Bindeglied sein: Gendefekte, fehlerhafte Reparaturmechanismen des Erbguts und andere genetische Besonderheiten könnten zur Unfruchtbarkeit führen und so das Prostatakrebsrisiko erhöhen. Wahrscheinlicher aber, und dafür sprechen auch andere Untersuchungen, bilden sie die gemeinsame Grundlage für beide Erkrankungen, indem sie diese direkt auslösen oder schädigende Einflüsse (z.B. durch Ernährung oder Umwelt) verstärken.

Fazit der Autoren

Die Studie liefert neue Belege für einen möglichen Zusammenhang zwischen der Unfruchtbarkeit eines Mannes und seinem Risiko für aggressiven Prostatakrebs. Sie bedarf der Bestätigung und sollte Anlass dazu geben, weiter nach eventuellen gemeinsamen Ursachen zu fahnden. Männer, bei denen eine Unfruchtbarkeit festgestellt wurde, sollten Vorsorgeuntersuchungen durchführen lassen, da sie ein erhöhtes Risiko speziell für hochgradigen Prostatakrebs haben.

Quelle

Walsh TJ et al.: Increased risk of high-grade prostate cancer among infertile men. Cancer 2010; 116(9): 2140-2147

 

Vorbeugung gegen Prostatakrebs

Studien lieferten bisher kaum Anhaltspunkte für die Prävention des Prostatakarzinoms. Als Empfehlung bleibt die Vorbeugung gegen Krebs allgemein mit einer gesunden Lebensführung und einer ausgewogenen, am besten mediterranen und asiatischen Kost.

Zum Schutz vor Prostatakrebs gibt es mehrere Ansätze: Das Vermeiden von Risikofaktoren, die Änderung des Lebensstils, einschließlich der Ernährung, die zusätzliche Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln (Supplemente) und die vorsorgliche Einnahme von Medikamenten.

Als Hauptrisikofaktoren für Prostatakrebs gelten das Alter und eine erbliche Vorbelastung (s. Ursachen des Prostatakarzinoms). Sie lassen sich nicht beeinflussen, ganz im Gegensatz zu anderen Faktoren wie Umwelteinflüsse, Lebensstil und Ernährung. Diese scheinen zwar nicht viel mit dem Entstehen von Prostatakrebs zu tun zu haben, können aber seine Weiterentwicklung befördern von einem latenten (verborgenen) Tumor, der keinen Einfluss auf die Lebenserwartung hat, zu einem manifesten, also klinisch zutage getretenen Tumor (s. hierzu auch Entstehung und Formen des Prostatakarzinoms).

In unzähligen Untersuchungen wurden einzelne Nährstoffe, Arzneimittel, Bestandteile des Lebensstils und Umweltfaktoren daraufhin geprüft, ob sie zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs geeignet sind oder das Risiko sogar erhöhen. Bei den Nährstoffen erfolgte die Zufuhr zum Teil in Form von Lebensmitteln und zum Teil durch Präparate zur Nahrungsergänzung, die wie Arzneimittel generell eine Gefahr der Überdosierung und damit von Vergiftungen beinhalten.

Die manchmal recht widersprüchlichen Ergebnisse sind im Folgenden kurz zusammengefasst. Man sollte dabei im Auge behalten, dass sich das individuelle Risiko eines Mannes für Prostatakrebs nicht genau bestimmen lässt. Außerdem könnte eine bestimmte Maßnahme zwar zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs sinnvoll sein, jedoch das Risiko für andere bösartige Tumoren oder andere schwere Erkrankungen erhöhen (z.B. des Herz-Kreislauf-Systems). Dies wiegt umso schwerer, als es sich ja um gesunde Männer handelt, die diese Maßnahmen ergreifen, um ihre Gesundheit auf Dauer zu erhalten.

Selen: Innereien, Pilze, Nüsse und Weizen

Das Spurenelement Selen (Se) schützt in Kombination mit bestimmten Enzymen wichtige Verbindungen im Körper vor der Oxidation durch freie Sauerstoffradikale, also vor der Schädigung durch gefährliche Sauerstoffverbindungen. Die besten Quellen sind Innereien (Niere), Pilze, Nüsse (v.a. Paranüsse), Weizen (Vollkorn, Kleie, Keime), Fisch und Fleisch.

Bis vor einigen Jahren ging man davon aus, dass sowohl Selen-haltige Lebensmittel als auch die Einnahme von Selen das Prostatakrebsrisiko wahrscheinlich senken. Neuere Untersuchungen sprechen dafür, dass es mit steigendem Selenspiegel in Blut und Gewebe zunächst sinkt und dann wieder ansteigt. Laut der oft zitierten SELECT-Studie (s. auch unten bei Vitamin E) steigt es bei einer zusätzlichen Einnahme geringfügig an, ebenso wie die Gefahr eines Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), was ein Grund für den Abbruch dieser Untersuchung war. Insgesamt liefern die Studien bisher keine Rechtfertigung für eine Empfehlung zur Einnahme von Selen zur Vorbeugung gegen Krebs.

Vitamin D: Lebertran und Fisch

Vitamin D ist für den Stoffwechsel von Kalzium und damit der Knochen unverzichtbar. Den größten Teil des Bedarfs kann der Mensch in der Haut unter dem Einfluss von UV-Licht selbst herstellen. Ein Teil muss mit der Nahrung zugeführt werden, vor allem im Winter: Den höchsten Gehalt haben Lebertran und fettreicher Fisch (Aal, Hering, Sardinen), gute Quellen sind Pilze, Milch und Milchprodukte, während sich in Pflanzen nur Spuren finden.

Es gibt Hinweise darauf, dass das Risiko für Prostatakrebs mit steigendem Vitamin-D-Blutspiegel sinkt. Eine künstliche Zufuhr scheint jedoch keinen Effekt zu haben (mehr zu Vitamin D siehe auch unten bei Milch und bei UV-Strahlung).

Vitamin E: Pflanzenöle, Nüsse und Leinsamen

Auch Vitamin E schützt Zellen vor oxidativer Schädigung und zählt deshalb zu den Antioxidanzien. Es kommt vor allem in Pflanzenölen (Weizenkeimöl, Sonnenblumenöl), Leinsamen, Nüssen und Margarine vor, kaum jedoch in Gemüse, Obst, Getreide, Fleisch und Fisch.

Jahrelang galt, dass die zusätzliche Einnahme von Alpha-Tocopherol (Vitamin E) vor Prostatakrebs schützt, zumindest bei Rauchern. Später stellte sich dieses Ergebnis der ATBC-Studie als falsch heraus, und nach der SELECT-Studie ist sogar das Gegenteil der Fall: Bei gleichzeitiger Gabe von Selen (s.o.) steigt das Risiko etwas an, ohne Selen jedoch deutlich, so dass diese Studie abgebrochen wurde. Die Einnahme von Vitamin E beugt wohl auch nicht gegen andere Krebsformen vor und kann das Risiko für Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und Schlaganfall erhöhen.

Vitamin C: Acerola und Hagebutten

Ascorbinsäure (Vitamin C) kann sehr leicht oxidiert werden, weshalb es oft Lebensmitteln als Antioxidans zugesetzt wird. Es wirkt an vielen Stoffwechselvorgängen mit, auch als Radikalfänger. Mit Abstand am meisten Vitamin C enthalten frische Acerola-Kirschen und Hagebutten. Danach folgen frisches Gemüse und Obst wie Sanddorn (Saft), schwarze Johannisbeeren, Petersilie, Paprika und Broccoli, während Zitrusfrüchte erst im unteren Mittelfeld liegen.

Entgegen früherer Annahmen schützt Vitamin C vermutlich weder vor Prostatakrebs, noch vor anderen Krebsformen. Es sind aber auch keine Gefahren durch Überdosierung bekannt.

Betakarotin: Minze und Karotten

Im Körper wird das zu den Carotinoiden zählende Betakarotin zum Teil zu Vitamin A gespalten, weshalb man es auch Provitamin A nennt. Daneben ist es ein starkes Antioxidans und hat weitere wichtige Wirkungen. Es färbt Obst, Gemüse und Getreide gelb bis orange und dient als Farbstoff für Lebensmittel. Sein Gehalt ist besonders hoch in Minze, Petersilie, Karotten, Spinat, Grünkohl, Broccoli und Aprikosen.

Obwohl Betakarotin vermutlich keinen Effekt bei Prostatakrebs hat, wird zum Schutz vor anderen Krebsformen eine Zufuhr von bis zu 6mg pro Tag mit der Nahrung empfohlen (z.B. etwa 100g Karotten oder Spinat). Die zusätzliche Einnahme vor allem höherer Dosen könnte hingegen das Krebsrisiko vergrößern. Diese schützte auch in der ATBC-Studie Raucher nicht vor Tumoren, sondern erhöhte ihr Risiko für Lungenkrebs und ihre Sterblichkeit.

Lycopin: Tomaten und Tomatenprodukte

Lycopin ist wie Betakarotin (s.o.) ein Carotinoid und ein Antioxidans. Es kommt vor allen in Tomaten und Hagebutten vor, denen es die rote Farbe gibt, und dient als Lebensmittelfarbstoff. Der Gehalt ist besonders hoch in Tomatenprodukten (Saft, Soße, Suppe, Mark, Extrakt, Ketchup).

Nach der Mehrzahl der Studien schützt wahrscheinlich die Zufuhr von Tomaten und Tomatenprodukten vor Prostatakrebs, zumindest vor Tumoren mit niedrigem Malignitätsgrad (low-grade PC, s. Klassifikation des Prostatakarzinoms). Die isolierte Einnahme von Lycopin hat dagegen wohl keine vorbeugende Wirkung gegen das Prostatakarzinom.

Polyphenole: Grüner Tee, Soja, Leinsamen und Rotwein

Polyphenole gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen (ohne besonderen Nährwert) und kommen beispielsweise in Granatapfel und grünem Tee vor. Zu den Polyphenolen zählen verschiedene Gruppen von Stoffen wie Phenolsäuren (z.B. Kaffeesäure), Phytoöstrogene und Flavonoide:

Der Name Phytoöstrogen bedeutet pflanzliches Östrogen (weibliches Geschlechtshormon) und rührt von dem schwachen Östrogen-artigen Effekt dieser Stoffe. Sie wirken zudem antioxidativ und umfassen Isoflavoniode und Lignane. Isoflavonoide (z.B. Genistein) kommen nur in wenigen Pflanzenarten vor, besonders reichlich in Sojabohnen. Lignane sind dagegen weit verbreitet, weil aus ihnen Lignin entsteht, ein Bestandteil pflanzlicher Zellwände; ihr Gehalt ist besonders hoch in Leinsamen und Vollkorngetreide. Flavonoide (z.B. Quercetin, Anthocyane) sind ebenfalls oft zu finden, vor allem in Zwiebeln, Grünkohl, Sellerie, dunklen Beeren (inkl. Rotwein) und Schwarztee, die sie gelb, rot oder violett färben.

Die hohe Zufuhr von Polyphenolen mit asiatischer Kost (v.a. durch Soja) wurde oft mit der niedrigen Erkrankungsrate von Asiaten an Prostatakrebs in Verbindung gebracht. Dass Polyphenole vor Prostatakrebs schützen, ist bislang nicht nachgewiesen. Es ließen sich aber zahlreiche Wirkungen auf den Hormonstoffwechsel und andere Prozesse zeigen, die für die Entstehung und das Wachstum bösartiger Tumoren wichtig sind. Darunter befindet sich eine Hemmung des Enzyms 5-alpha-Reduktase. Dies hat zur Untersuchung von Medikamenten mit entsprechender Wirkung geführt (s.u.). Allerdings gibt es auch Hinweise, dass Soja und Sojaprodukte die Zahl der Spermien senken können.

Fleisch: Rotes oder weißes?

Fleisch liefert dem Körper wichtige Nährstoffe wie Eiweiß, Vitamin B12 und Eisen. In den USA und Europa wird deutlich mehr Fleisch verzehrt als in Asien, wobei eine übermäßige Zufuhr schon wegen des Gehalts an Fett, vor allem gesättigten Fettsäuren als ungesund gilt (s. nächster Abschnitt).

Nach neueren Untersuchungen erhöhen rotes Fleisch (z.B. von Rind, Schwein, Lamm, Wild) und verarbeitetes Fleisch (meist rotes; geräuchert, gepökelt, gesalzen oder anderweitig konserviert; z.B. Wurst) das Risiko für zahlreiche bösartige Tumoren, insbesondere für Darmkrebs, aber auch für Prostatakrebs. Deshalb gibt es dazu auch Empfehlungen (s.u.). Weißes Fleisch (Geflügel, inkl. Truthahn) scheint diese Nachteile nicht zu haben. Welche Inhaltsstoffe dafür verantwortlich sind, ist noch unbekannt. Im Verdacht stehen Konservierungsmittel (z.B. Nitrat, Nitrit) und Substanzen, die beim starken Erhitzen (z.B. scharf Anbraten) entstehen.

Fette: Tierische Fette und Omega-3-Fettsäuren

Tierische Fette enthalten hauptsächlich gesättigte Fettsäuren, pflanzliche dagegen ungesättigte. Im Gegensatz zu mehrfach ungesättigten kann der Körper einfach ungesättigte Fettsäuren (z.B. Ölsäure) zum Teil selbst bilden. Sie finden sich vor allem in Olivenöl, aber auch in Erdnuss-, Raps- und Distelöl. Mehrfach ungesättigt sind zum Beispiel Linolsäure (v.a. in Getreidekeim-, Distel-, Raps- und Sojaöl), Linolensäure (eine sog. Omega-3-Fettsäure, v.a. in Portulak und anderem grünem Blattgemüse wie Spinat, in Linsen und Walnüssen) und andere Omega-3-Fettsäuren (v.a. in fettem Fisch und Fischöl).

Die Effekte dieser Fettsäuren sind komplex. So wirken Omega-3-Fettsäuren beispielsweise antientzündlich. Insgesamt sollen ungesättigte Fettsäuren gesünder sein als gesättigte. Der Zusammenhang zwischen Fettverzehr und dem Prostatakrebsrisiko ist umstritten. Möglicherweise senken mehrfach ungesättigte Fettsäuren die Gefahr, wobei Linolensäure sie auch erhöhen könnte. Asiatische Kost enthält jedenfalls wesentlich weniger tierische Fette und insgesamt weniger Fett als europäisches und nordamerikanisches Essen. Tierische Fette könnten zudem das Risiko für andere bösartige Tumoren erhöhen (z.B. für Darmkrebs). Da Fett eine besonders hohe Energiedichte hat (viele Kalorien), beeinflusst der Verzehr das Körpergewicht stark (s.u.).

Milch und Milchprodukte: Kalzium für die Knochen

Bekanntlich sind Milch und Milchprodukte unsere wichtigsten Lieferanten von Kalzium und enthalten weitere gesunde Nährstoffe (z.B. Vitamin B12). Doch mit ihrem Verzehr scheint auch das Risiko für Prostatakrebs zu steigen.

Noch ist unklar, auf welche Inhaltsstoffe dieser Effekt zurückzuführen ist. Vieles spricht gerade für Kalzium. Es ist wichtig für die Funktion von Knochen und Muskeln und gilt deshalb als gesund. Eine hohe Zufuhr vermindert allerdings die Aktivierung von Vitamin D (s.o.), das den Knochenstoffwechsel beeinflusst. Und bei einer kalziumreichen Kost, wie sie in den westlichen Industrieländern vorkommt, steigt das Risiko für Prostatakrebs nach den meisten Studien mit der Zufuhr deutlich an.

UV-Strahlung: Sonne, Schwarzlicht und Solarium

Sonnenlicht fördert das Wohlbefinden, und die darin enthaltene Ultraviolettstrahlung die Bildung von Vitamin D in der Haut (s.o.). Vielleicht ist Letzteres der Grund dafür, dass das Prostatakarzinom in Nordeuropa häufiger vorkommt als im sonnigeren Südeuropa (s. auch Häufigkeit des Prostatakarzinoms). Somit würde UV-Licht, das auch als Schwarzlicht und in Solarien verwendet wird, vor Prostatakrebs schützen. Allerdings steigert es auch die Gefahr von Hautkrebs, weshalb man sich nur bedingt dieser Strahlung aussetzen sollte.

Bewegung: Sport statt Sitzen

Die heutzutage überwiegend sitzende Lebensweise von Bewohnern der Industrieländer soll zahlreiche Zivilisationskrankheiten befördern wie Adipositas (deutliches Übergewicht, s. auch nächster Abschnitt), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Hypertonus (Bluthochdruck), koronare Herzerkrankung (Herzkranzgefäßverengung) und Osteoporose (Knochenabbau).

Viele Studien sprechen dafür, dass Bewegung und Sport das Risiko nicht nur für diese Krankheiten verringert, sondern auch für verschiedene Krebsformen (z.B. Darmkrebs). Dies ist der Grund, körperliche Aktivität in die Empfehlungen aufzunehmen (s.u.). Studien zum Prostatakarzinom ergaben entweder keinen Einfluss oder eine Verminderung der Gefahr für aggressive oder fortgeschrittene Formen.

Körpergewicht: BMI und ungesundes Bauchfett

Das Körpergewicht hängt vor allem von der Energiezufuhr und damit insbesondere vom Fettverzehr ab. Übergewicht drückt sich in einem erhöhten BMI aus (Body-Mass-Index, erhöht ab 25kg/qm, mehr dazu im Lexikon unter Übergewicht). Es gilt als Risikofaktor unter anderem für Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedene Krebsformen (z.B. Darmkrebs), besonders wenn sich größere Fettansammlungen im oder am Bauch befinden. Deshalb ist eine Reduktion des Übergewichts auch Bestandteil der Empfehlungen (s.u.).

Zu Prostatakrebs liefern Studien uneinheitliche Ergebnisse. Einiges spricht dafür, dass das Risiko mit dem BMI steigt, zumindest für aggressive und fortgeschrittene Formen. Erklärbar wäre dies damit, dass Fettgewebe den Hormonstoffwechsel beeinflusst. Der Grund könnte aber auch sein, dass die Tumoren erst später festgestellt werden. Denn bei Übergewicht sind der PSA-Wert niedriger und die Prostata größer als bei Normalgewicht, so dass eine Prostatabiopsie später, erst bei steigendem PSA-Wert erfolgt und den Krebsherd eher verfehlt (s. auch im Magazin: Übergewicht kann die Diagnose von Prostatakrebs verzögern).

Alkohol: Höchstens in Maßen

Alkohol scheint das Risiko für Prostatakrebs nicht zu beeinflussen, wohl aber das für andere Krebsformen (z.B. Darmkrebs). Er hat eine hohe Energiedichte (viele Kalorien) und kann deshalb das Körpergewicht (s.o.) steigen lassen. Ein übermäßiger Konsum kann zudem weitere ernste Folgen haben, unter anderem für die Leber. Deshalb gibt es zur Zufuhr auch Empfehlungen (s.u.). Dass ein geringer Alkoholgenuss zum Beispiel vor Herzerkrankungen schützt, ist heute umstritten. Umgekehrt ließ sich aber auch nicht beweisen, dass er schadet.

Rauchen: Ohnehin ungesund

Zur Rolle des Rauchens finden sich widersprüchliche Ergebnisse. Nach der ATBC-Studie erhöht es das Risiko für Prostatakrebs etwas, nach einer anderen Studie steigert es die Gefahr für einen fortgeschrittenen Tumor. Als sicher gilt, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht und beispielsweise zu Blasenkrebs, Nierenkrebs und einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) führen kann. Also werden Sie Nichtraucher!

Sexualleben

Das Sexualleben hat wahrscheinlich keinen Einfluss auf das Risiko für Prostatakrebs. Nach einer neuen (wenig aussagekräftigen) Untersuchung könnte eine häufige Masturbation in jungen Jahren (20-39) das Risiko erhöhen, in den Fünfzigern jedoch verringern.

Multivitaminpräparate und andere Kombinationen

Solche Präparate, die rechtlich gesehen Lebensmittel sind, enthalten Nährstoffe und andere Substanzen in hoher Konzentration. Vor einer unkritischen Einnahme ist dringend zu warnen. Denn es besteht die Gefahr schwerer gesundheitlicher Folgen, beispielsweise durch Überdosierung, durch Wechselwirkungen mit Medikamenten oder bei Vorliegen bestimmter individueller Faktoren (z.B. Lungenkrebsrisiko durch Betakarotin bei Rauchern, s.o.).

Zudem ist folgendes zu bedenken: Auch wenn einer der Inhaltsstoffe möglicherweise vor Prostatakrebs schützt, könnte ein anderer das Risiko erhöhen, auch für eine andere Krankheit. Darüber hinaus ist das Zusammenwirken mehrerer Stoffe nach derzeitigem Kenntnisstand nicht sicher vorherzusagen. Keinesfalls, so auch die Behörden in den USA, sollten mehrere Präparate gleichzeitig eingenommen werden. Bitte informieren Sie sich vor der Einnahme genau und lassen Sie sich beraten, am besten von Ihrem Arzt.

5-alpha-Reduktase-Hemmer und andere Medikamente

5-alpha-Reduktase-Hemmer (5ARI) hemmen das Enzym 5-alpha-Reduktase, welches Testosteron in seine wirksamste Form umwandelt, das Dihydrotestosteron (DHT), auch in der Prostata. Einen solchen Effekt haben die beiden Wirkstoffe Finasterid und Dutasterid sowie Extrakte aus Früchten der Sägepalme (saw palmetto, Serenoa repens, Sabal serrulata), die alle gegen die gutartige Prostatavergrößerung eingesetzt werden (s. Medikamente zur BPS-Behandlung). Auch Phytoöstrogene (s.o.) hemmen dieses Enzym.

Weil bei Asiaten die 5-alpha-Reduktase-Aktivität in der Prostata besonders niedrig ist und sie nur selten an Prostatakrebs erkranken (s. auch Häufigkeit des Prostatakarzinoms), wurden Studien mit den Hemmstoffen durchgeführt. Danach vermindert eine Einnahme von 5ARI die Häufigkeit für den Nachweis von Prostatakarzinomen und deren Vorstufe (HG-PIN). Es gibt jedoch keine Daten zur Auswirkung auf die Sterblichkeit. 5ARI senken zudem den PSA-Wert, was die Diagnose verzögern und so diese Ergebnisse (teilweise) erklären könnte. Bei einer vorbeugenden Gabe ist zwischen dem erwarteten Nutzen und einem möglichem Schaden sorgfältig abzuwägen. Denn es sind gesunde Männer, die das Medikament einnehmen und deshalb auch mit unerwünschten Wirkungen rechnen müssen. In Deutschland sind 5ARI zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs nicht zugelassen.

Derzeit werden zahlreiche weitere Wirkstoffe auf ihre vorbeugenden Effekte geprüft, zum Beispiel NSAR (nicht steroidale Antirheumatika wie Acetylsalicylsäure), Rezeptormodulatoren (SERM) und Statine (s. auch im Magazin: Statine und die Vorbeugung gegen Prostatakrebs). Eine genaue Bewertung ist jedoch noch nicht möglich.

Empfehlungen zur Vorbeugung gegen Krebs

Nach der deutschen Prostatakrebs-Leitlinie sollen Männer über eine gesunde Lebensweise beraten werden, einschließlich der Ernährung, der körperlichen Bewegung und ihrer psychosozialen (seelischen und gesellschaftlichen) Situation. Zur Vorbeugung gegen Krebs und andere Erkrankungen empfehlen die Autoren in Anlehnung an die Leitlinie der amerikanischen Krebsgesellschaft (ACS):

Statine und die Vorbeugung gegen Prostatakrebs

Über solch schützende Effekte dieser „Blutfettsenker“ wurde in letzter Zeit oft diskutiert. Zu einer vorbeugenden Einnahme lässt sich aber nicht raten, so die Forscher, die jetzt das heutige Wissen darüber zusammengefasst haben.

Statine sind die derzeit am häufigsten verwendeten Wirkstoffe zur Senkung des Blutspiegels von Cholesterin (ein Blutfett). Ein erhöhter Cholesterinspiegel ist ein erheblicher Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Statine vermindern die Häufigkeit solcher Erkrankungen und die Sterblichkeit daran. Sie werden im Allgemeinen gut vertragen, können aber auch unerwünschte Wirkungen haben.

Neuere Studien legen nahe, dass es auch einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Statinen und der Verringerung der Häufigkeit von Prostatakarzinomen und der Sterblichkeit an diesem Krebs gibt. Für diese Wirkungen wurden einige mögliche Mechanismen angeführt, die meisten davon schließen einen direkten Eingriff von Statinen in Signale und den Stoffwechsel innerhalb von Zellen ein.

Für diese Übersichtsarbeit werteten finnische Forscher alle verfügbaren experimentellen und klinischen Untersuchungen aus, die es zur Rolle von Statinen bei der Vorbeugung gegen Prostatakrebs gibt. Es zeigte sich, dass Statine in vitro (im Reagenzglas, meist bei hoher Dosierung) den programmierten Zelltod fördern, Entzündungen hemmen und das Wachstum von Prostatakrebszellen bremsen können. Ob dies auch in vivo (im lebenden Menschen) funktioniert, ist noch unsicher.

Die Krebsfrüherkennung mittels PSA-Test (PSA = Prostata-spezifisches Antigen, s. PSA-Bestimmung) kann Studienergebnisse auf komplizierte Weise beeinflussen und ist deshalb eine Herausforderung für künftige Untersuchungen: Im Vergleich zu Personen, die keine Statine einnehmen, sind Personen, die solche Medikamente längere Zeit einnehmen, gesünder und interessierter an der Früherkennung und Behandlung von Krankheiten. Sie dürften also auch eher getestet werden. Allerdings haben sie einen niedrigeren PSA-Spiegel, am wahrscheinlichsten infolge der Senkung des Cholesterinspiegels, nachdem der Effekt bei anderen Cholesterinsenkern ebenfalls auftritt. Somit würde bei ihnen seltener eine Biopsie (Probeentnahme, s. Prostatabiopsie) empfohlen, was die Erkennungsrate von Prostatakrebs vermindern und eine geringere Krankheitshäufigkeit vortäuschen würde.

So zeigen denn auch die bislang verfügbaren Daten ein uneinheitliches Bild: In Studien zum Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde zum Teil eine Erniedrigung des Risikos für Krebs allgemein, aber nicht für Prostatakrebs gefunden, zumindest nicht bei einer Einnahme von Statinen von weniger als 5 Jahren. Untersuchungen zum Prostatakarzinom lieferten ebenfalls widersprüchliche Ergebnisse. Wenn der Einfluss der PSA-Testung berücksichtigt wurde, fand sich jedoch eine Verminderung des Risikos für einen fortgeschrittenen Tumor, und zwar auf bis zur Hälfte bei einer Einnahme von Statinen über mehr als 5 Jahre oder bei gleichzeitiger Einnahme von Entzündungshemmern (so genannte NSAIDs), sowie zum Teil auch eine Verminderung des Gesamtrisikos.

Ob Statine auch das Entstehen von Prostatakrebs vermindern können, wofür eine Abnahme der Zahl von latenten (nicht auffällig gewordenen) Tumoren sprechen würde, ist noch nicht untersucht. Dies gilt auch für ihre Effekte auf die Spiegel der Androgene und Östrogene (männliche bzw. weibliche Geschlechtshormone) in Blut und Prostata sowie auf die Androgenrezeptoren in der Prostata, mit Ausnahme des Blutspiegels der Androgene, der gleich bleibt (s. auch Geschlechtshormone). Ferner ist noch unklar, ob Statine das Risiko nicht lediglich durch Beseitigung der Blutfetterhöhung vermindern, die ja ihrerseits als Risikofaktor für Prostatakrebs gilt.

Fazit der Autoren: Da Statine wohl künftig verstärkt eingesetzt werden, wird eine mögliche Verminderung der Häufigkeit von Prostatakrebs und der Sterblichkeit daran durch diese Medikamente immer wichtiger. Die Effekte sollten in einer großen, aussagekräftigen Studie überprüft werden. Eine solche wäre allerdings aus vielerlei Gründen sehr schwierig durchzuführen. Doch auch andere Untersuchungen wie zum Fortschreiten des Tumors oder zu den Wirkmechanismen der Statine könnten weiterhelfen. Die Einnahme von Statinen zur Vorbeugung gegen Prostatakrebs kann derzeit nicht empfohlen werden, obwohl aus einigen Studien eine vorbeugende Wirkung zu entnehmen ist. Diese könnte zumindest eine weitere Motivation für Männer sein, die Statine aus anderen Gründen (z.B. erhöhte Blutfette, Vorbeugung gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen) einnehmen sollten.

Quelle

Murtola, T. J., et al.: Statins and Prostate Cancer Prevention: Where We Are Now, and Future Directions. Nat Clin Pract Urol. 2008 5(7):376-387

 

Fördert Urinieren im Sitzen Prostatakrebs?

Männer, die im Sitzen Wasser lassen, sollen keine richtigen Männer sein und ihre Gesundheit riskieren. Sind das Gerüchte? Oder liefern Geschichte, Kultur, Urologie, Hygiene oder Psychologie Belege dafür?

Wir wollen etwas Licht in dieses dunkle Männerkapitel bringen. Denn immer wieder erreichen uns Fragen, ob für Männer das Wasserlassen im Sitzen oder im Stehen besser sei. Auch wird das Thema im Internet und an Stammtischen heftig diskutiert, mit teilweise haarsträubenden Argumenten: Den Schlusspunkt bildet Sitzpinkler, gleichbedeutend mit Weichei und Warmduscher, Schimpfworte, die ans Eingemachte gehen und bedeuten, dass ein Mann kein richtiger Mann sei.

Erstaunliches in Geschichte und Kultur

"Frauen lassen ihr Wasser im Stehen, die Männer in Sitzen." So beschreibt Herodot die Gewohnheiten in Ägypten, wo sich zudem die Frauen frei auf den Märkten bewegen und alle möglichen Berufen nachgehen. Damit stellt er das aus unserer heutigen Sicht im wörtlichen Sinne verkehrte Verhalten in einen direkten Zusammenhang zum stärker selbstständigen Status der Frauen im alten Ägypten. Heute erstaunt oder amüsiert uns diese Anekdote. Aber warum eigentlich?

Weltweit scheint bei Männern das Urinieren im Stehen die Regel. Bei Frauen ist dagegen die Hocke weit verbreitet, wird aber bei "Verwestlichung" vom Sitzen abgelöst (wegen der in den Industrienationen aus noch näher zu untersuchenden Gründen üblichen Sitztoiletten). Doch nehmen beide Geschlechter in fast allen Kulturen beim Wasserlassen traditionell eine unterschiedliche Körperhaltung ein.

Warum dies so ist, darüber kann man nur spekulieren. Denn Tatsache ist, dass der Urin nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern in der Regel die Beine und Füße trifft, wenn sie die Blase in senkrechter Haltung ohne Zuhilfenahme der Hände entleeren. Beide können jedoch den Strahl mit dem richtigen Handgriff vom Körper weglenken. Entscheidend ist also nicht die Anatomie, sondern die Kultur, die bei uns nur dem Mann das "Handanlegen" erlaubt.

Was sagt der Urologe?

Kurz und bündig: Uns ist keine wissenschaftliche Untersuchung bekannt, die belegen oder auch nur einen Hinweis darauf geben würde, dass die Körperhaltung beim Wasserlassen kurz- oder langfristig einen Einfluss auf Organfunktionen hat: Weder auf die Blasenentleerung, noch auf die Stärke des Harnstrahls (der unterstützende Druck der Eingeweide auf die Blase dürfte gleich sein) oder gar auf die Prostata- oder Sexualfunktionen.

Aus unfallchirurgischer Sicht dürfte das Urinieren im Sitzen allerdings sicherer sein, wegen der geringeren Verletzungsgefahr bei einem etwaigen Sturz. Dies gilt für Männer wie für Frauen, vor allem im vorgerückten Alter und mit Erkrankungen, beispielsweise von Herz, Blutgefäßen oder Gleichgewichtssinn. Wegen der (unwahrscheinlichen) Möglichkeit einer Infektionsübertragung durch die Toilettenbrille kann die Sitzposition aber auch eine Gesundheitsgefährdung in sich bergen, insbesondere bei mangelhafter Hygiene.

Aus hygienischer Sicht

Die bei uns verbreiteten Sitztoiletten sind für Stehpinkler beiderlei Geschlechts völlig ungeeignet: Selbst bei perfektem Zielen spritzt ein Teil des Urins wieder heraus und verschmutzt die Toilette und ihre Umgebung. Die Folgen können mannigfaltig sein, zum Beispiel Geruchsentwicklung, Schäden an Wand, Boden und Einrichtung, Ekelgefühle bei den nächsten Benutzern und deshalb erneute Benutzung im Stehen, Übertragung von Infektionskrankheiten, erhöhter Reinigungsaufwand, Abscheu bei der Reinigungskraft (das ist nicht selten die eigene Frau).

"Er war der erste Mann gewesen, den Fermina Daza urinieren hörte. Sie hörte ihn in der Hochzeitsnacht, in der Kabine des Schiffs, das sie nach Frankreich trug, während sie seekrank darniederlag, und das Tosen seines Pferdewasserfalls erschien ihr so machtvoll und so herrisch, daß es ihre Angst vor den befürchteten Verletzungen noch steigerte. Diese Erinnerung kam ihr häufig in den Sinn, als die Jahre den Wasserfall nach und nach abschwächten, weil sie sich nicht damit abfinden konnte, daß er jedesmal einen nassen Klosettrand hinterließ. Doktor Urbino versuchte sie mit für jeden, der sie verstehen wollte, leicht einsichtigen Argumenten davon zu überzeugen, daß dieses Mißgeschick sich nicht, wie sie behauptete, wegen seiner Unachtsamkeit täglich wiederholte, sondern aus einem organischen Grund: Sein jugendlicher Strahl war so bestimmt und direkt gewesen, daß er in der Schule mit seiner Zielsicherheit beim Flaschenfüllen Turniere gewonnen hatte, doch durch den Altersverschleiß war der Strahl nicht nur schwächer geworden, sondern hatte sich auch gekrümmt, verzweigt und schließlich in ein eigenwilliges Brünnlein verwandelt, und das trotz aller Anstrengungen, ihn zu begradigen. Er sagte: »Das Klosett muß jemand erfunden haben, der nichts von Männern verstand.« Zum häuslichen Frieden trug er mit einer täglichen Geste bei, die eher ein Zeichen von Demütigung als von Demut war: Er wischte die Ränder des Klosetts nach jeder Benutzung mit Klopapier ab. Sie wußte das, sagte aber nie etwas, solange die Ammoniakdämpfe im Bad nicht zu offenkundig wurden, dann erklärte sie, als decke sie ein Verbrechen auf: »Hier stinkt es nach Kaninchenstall.« Am Vorabend des Greisenalters brachte ihn die Körperstörung selbst auf die endgültige Lösung: Er pinkelte wie sie im Sitzen, was die Brille sauber und ihn im Zustand der Gnade beließ."

Zitat aus Gabriel Garcia Marques: Die Liebe zu Zeiten der Cholera

In der Tat sind unsere Sitztoiletten eher für Frauen gemacht. Denn bei kleinen Jungen trifft der Strahl gelegentlich zwischen Becken und Brille hindurch, und bei erwachsenen Männern kann der Penis das Innere des Beckens berühren. Aus hygienischer Sicht schneiden hier Sitzpinkler trotzdem deutlich besser ab als Stehpinkler. Noch besser geeignet sind die in Privatwohnungen leider selten anzutreffenden Urinale (Pissoire, Pinkelbecken), von denen es seit neuestem auch spezielle für Frauen gibt.

Psychologisch betrachtet

Überspitzt könnte man sagen: Als die Männer vor vielen Jahren noch Patriarchen waren, die Frauen hingegen am häuslichen Herd saßen und ihre Männer anbeteten, war die männliche Dominanz unangetastet. Heute bleiben dem Mann davon nur noch zwei Dinge übrig, wobei ihm das zweite mit der Entwicklung von Urinalen für Frauen auch noch streitig gemacht wird: Zum einen eine gewisse körperliche Überlegenheit, zum anderen das Privileg, seine Blase im Stehen zu entleeren.

Dass er dies gerne tut, sieht man überall. Während das weibliche Geschlecht sich in der freien Natur dabei schamhaft hinter Büschen verbirgt, steht er sichtbar und aufrecht am Straßenrand und erleichtert sich. Für das Selbstwertgefühl des Mannes spielt dies offenbar eine bedeutende Rolle:

"Denn Männer, die seit Generationen gewöhnt gewesen waren, ihren von hiesigen, angeblich die Nierentätigkeit fördernden Wein geschwellten Blasen ausgiebig gegen Mauern und Nischen freien Lauf zu lassen, wenn es sie gerade ankam, würden wahrscheinlich wenig geneigt sein, sich an einer ein für allemal fest stehenden Stelle zu erleichtern, wo sie all jener kleinen Annehmlichkeiten entbehrten, die man empfindet, wenn mit dem Strahl eine Blattlaus verfolgt, einen Grashalm niedergedrückt, eine Ameise ertränkt oder eine Spinne in ihrem Netz behelligt wird.

Auf dem Lande, wo es an Zerstreuungen fehlt, muß man auch den geringsten Vergnügungsmöglichkeiten Rechnung tragen und auf das männliche Privileg Rücksicht nehmen, dies alles stehend, ungeniert und unbekümmert zu tun, was auch das Prestige bei den Frauen erhöht, die man zweckmäßigerweise damit immer wieder an ihre Unvollkommenheit erinnert, um sie zu veranlassen, ihre verderblichen Zungen zu beherrschen und ihr ohrenbetäubendes Gezeter einzuschränken."

Zitat aus Gabriel Chevallier: Clochemerle

Hier sind wir also bei der Psychologie des Mannes angelangt. Genauer gesagt, wie er sich als Mann definiert. Sieht er Stehpinkeln als Zeichen von Überlegenheit und Manneskraft oder als (gelegentlich) schlechte Angewohnheit, die er auch ändern kann, ohne sich infrage zu stellen? Bedeutet Freiheit für ihn mehr als jederzeit zu können, bei Bedarf gegen den nächsten Baum oder die nächste Hauswand zu pinkeln? Die Erörterung dieser Fragen würde den Rahmen dieses Artikels endgültig sprengen. Deshalb belassen wir es bei Denkanstößen, auch dem folgenden:

"Nun aber, erfährt Viktor telefonisch, ist J. K. krank. Das ist erschreckend und erheiternd zugleich. Den kraftstrotzenden Mann, dem Schwäche bisher defätistisch und Krankheit moralisch anrüchig erschien, kann man sich als Patienten nicht vorstellen. Jetzt fühlt sich der Löwe als Wurm; der Halbgott, der Ärzte sowenig gebraucht hat wie Priester, merkt, daß auch er sterblich ist. So gewaltig wie früher die Kraft, ist nun der Jammer. Er fühlt sich nicht nur geschlagen vom Schicksal, sondern auch noch verhöhnt, weil es ausgerechnet die Prostata ist, die ihn quält. Ehrenvoll zu Boden geht man in seinen Kreisen durch Herzinfarkt, nicht aber so. Ein Riese, der vor Schmerz schreit, wenn der Urin kommen soll und nicht will, ist kein Mann mehr, sondern eine Schießbudenfigur, sagt er, wenn er aus dem Spezialkrankenhaus (das übrigens in der Gegend der Neuen Herrlichkeit liegt) mit der ehemaligen Frau telefoniert, bei der er mit ruhigerem Gewissen jammern kann als bei der neuen, vor der er sich jeder Schwäche schämt."

Zitat aus Günter de Bruyn: Neue Herrlichkeit

Fazit: Falls ein Urinal verfügbar ist, pinkelt der gesunde Mann am besten im Stehen, falls nicht, im Sitzen (dies auf alle Fälle zuhause, wenn er klug ist).